Tag 48 – Soltau nach Bispingen
Was gibt es Besseres als ein ausgiebiges Frühstück vor dem Start der Wanderung? Der Wettercheck beim Frühstück fällt heute zum ersten Mal diese Woche mit gemischten Gefühlen aus, da eigentlich ab 10 Uhr bis nachmittags Niederschlag vorhergesagt wird. Eine Regenfront scheint über Norddeutschland hinwegzuziehen. Wird für heute schon, hoffe ich. Daher bleibt die Regenjacke erstmals im Rucksack. Ist ja erst kurz nach acht. Heute will ich erneut dem weißen „H“ folgen, habe ich doch gestern in Bispingen Quartier gefunden.
Aus dem Hotel raus und wie so oft die Orientierung nicht sofort gefunden, was bei der Vielzahl an Treppen und Wegen an der Soltauer Therme kein Problem ist. Also doch Handy raus und die Navigation angeschaltet. Eigentlich war klar: Ich passiere die Therme und folge der Böhme durch den gleichnamigen Park stadtauswärts in Richtung Nordwesten. Nach fünf Minuten bin ich aber auf dem richtigen Weg, der schwach geschottert zwischen Böhme und dem Begrenzungszaun der Therme entlangführt.
Ein Blick zum Himmel und zum Handy schafft Unmut. Die Wolken werden noch dichter und mein Handy spinnt. Kein Empfang, ärgere ich mich. Egal, schließlich habe ich bei Komoot die Tour heruntergeladen, sodass ich auch ohne Internetempfang fehlerfrei navigieren können sollte. Es tröpfelt. An der nächsten Bank ziehe ich die Regenjacke über, beschließe ich. Ich bin ja noch im Böhmepark. Gesagt, getan. Schon nach wenigen Schritten merke ich: Das wird warm. Ob ich nun von außen durch den Regen oder von innen …, grinse ich vor mich hin.
Kaum zehn Minuten später scheint der Regen wieder aufzuhören. Bei der nächsten Bank, nun bin ich leider schon außerhalb des Parks, sodass die Bänke rarer werden, kommt die Jacke in den Rucksack und ich werfe einen Blick aufs Handy. Wie weit bin ich denn nun schon gekommen? So wenig? Viel weniger als gedacht. Wie im Wesen. Keine Aufzeichnung. Was ist da los? Zum „Glück“ habe ich die Adresse der Pension als Ziel in Komoot gespeichert. Anfängerfehler, aber Bispingen ist nicht Paris, beruhige ich mich. Telefonieren kann ich ja noch. Ich starte die Aufzeichnung neu, was sofort zu Empfang führt. Komisch, aber was soll's?
Jedenfalls ist der Weg super. Schmal, am Fluss entlang und nur teilweise mit Feinschotter eingestreut. Meist geht es auf laubbedeckten Wegen weiter nach Norden.
Bei Ahlften lasse ich die munter plätschernde Böhme im Stich, komme an Fischteichen vorbei, quere eine der vielen Bahnlinien hier in der Gegend – wer fährt hier eigentlich? – und komme an einen Zwei-Häuser-Weiler. Einsame Nachbarschaft. Noch dazu mit einem Einfamilienhaus sowie einem Drei-Reihenhaus-Block.
Wenig später bin ich auch schon in Wolter- – nicht Wolperdingen. Am Ortsende ist ein sehr großer Wohnmobilstellplatz, auf dem auch eine Vielzahl zu mietender Hütten stehen. Wer sich hier einmietet, wird mir zehn Minuten später klar, nachdem ich die K 24 überschritten habe. Der Heide Park Soltau, der zweitgrößte Freizeitpark Deutschlands, ist nur fünf Gehminuten entfernt. Allein der Weg über den kurz nach 10 Uhr noch leeren Parkplatz dauert zu Fuß knapp zehn Minuten.
Vom Parkplatz runter und wieder auf einen Feldweg und ab in den Wald. Nun ist nicht mehr Nord zu Nordwest, sondern Ost zu Nordost die Generalrichtung. Die Wege sind schön und es geht eben dahin, sodass ich zügig vorankomme. Meine sorgenvollen Blicke zum Himmel werden nicht weniger, aber ich bleibe bislang trocken. Ewig herumtrödeln ist aber auch nicht angesagt.
Ich durchwandere das Ehbläckmoor, das am Rand einer großen Heidefläche liegt, und nach einem Linksbogen bin ich auch in Deimern. Von hier ist es nicht weit zum Kreuzberg. Na ja, was in der Heide halt so als Berg bezeichnet wird. Einen wirklich höchsten Punkt kann ich nicht ausmachen, sodass mir ein Gipfelsieg wahrscheinlich verwehrt bleibt.
Es tauchen, nachdem ich aus einem Gehölz herauskomme, große Windräder auf. Erneut muss ich eine Bahnlinie überqueren, bevor ich auch wieder auf die A7 treffe. Das weiße „H“ weist nun nach Norden, an der Bahnlinie und in Hörweite der A7 nordwärts. Will ich das? Ich biege zum Trotz nach rechts, ostwärts, ab. Mein Handy will dringend zurück auf den alten Weg. Mir egal, bin selbst groß genug.
Genug nach Osten ausgewichen und die A7 ist auch nicht mehr zu hören, ändere ich die Richtung. Nun ab nach Norden. Ich treffe auf zwei junge Frauen auf Pferden, die ich frage, ob ich hier nach Norden komme. Komoot verweigert einen Durchlass, zeigt zumindest immer noch „Umkehren“ an. Die Antwort fällt nicht wie erhofft aus.
„Da hinten ist ein großes Munitionsdepot. Da kommt man nicht durch.“
Ich bedanke mich, hoffe, dass sie sich irren oder es nicht besser wissen, und gehe trotzdem in eben diese Richtung. Die Wege werden, ähnlich wie an den Feuerstellungen in den letzten Tagen, schmaler und auch die Forstwege wandeln sich zu Rückwegen. Sollte ich wirklich an einem Zaun scheitern und umkehren müssen?
Ich finde das Munitionsdepot tatsächlich. Man kann es sogar bei Komoot erkennen, stellt man die Kartenauflösung nur klein genug ein. Aber am Munitionsdepot führt ein Holzrückeweg vorbei und so komme ich an den Hans-Christoph-Seebohm-Ring. Hier will Komoot wieder nach links abbiegen, aber vom vorherigen Erfolg des Ignorierens der Empfehlung noch euphorisiert, setze ich meinen Weg geradeaus fort. Ist a) kürzer und b) sieht spannender aus.
Irgendwann kommt mir ein Spaziergänger entgegen und ich weiß: Ich komme hier nach Bispingen.
Die letzten Meter in den Ort lege ich an der Töpinger Straße zurück, an der auch die Jugendherberge idyllisch liegt. Lustigerweise treffe ich an der Kirche im Ort auch das gestrige Pärchen wieder, das noch ein Stückchen bis zum Zeltplatz vor sich hat.
Mich treibt es in die Pension, Rucksack runter und unter die Dusche. Nach einem kurzen Nickerchen, während dessen es geregnet hat, mache ich mich auf, den Ort zu erkunden. Schließlich gilt Bispingen als einer der Heideorte mit der größten touristischen Infrastruktur und ich bin immer noch auf der Suche nach einem Heidschnuckenbraten. Man muss die regionale Landwirtschaft doch ganz selbstlos unterstützen, oder?
Das Ristorante wird von Albanern betrieben, das erste Eiscafé ebenfalls, das zweite Eiscafé mit leckerem Espresso – es regnet wieder leicht – von einem Bulgaren, und es gibt noch einen Chinesen im Ort. Es gibt nur zwei Gasthäuser mit offenbar deutscher Küche, von denen eines Betriebsferien hat und das andere keinen Heidschnuckenbraten auf der Karte hat.
Also wird es der Italiener, der mir auch Quartier bietet.
Heute bin ich in gut vier Stunden reiner Gehzeit und gut 20 Kilometern Strecke mit insgesamt 170 Höhenmetern Anstieg dem Zwischenziel Hamburg wieder nähergekommen.