Tag 47   Wietzendorf nach Soltau

Frühstück im Café. Hatte ich doch gestern, als ich in der Stadt zum Fußballschauen unterwegs war, festgestellt, dass meine Regenjacke weg war. Die kann ich entweder im Bus oder im Café vergessen haben. Gestern Abend hatte ich sie definitiv nicht an. Da ich früh auf bin und das Café ab 6 Uhr aufhat, kein Problem. Das Personal ist identisch zu gestern. Als ich frage: „Habe …“, kommt schon: „… ja, die hängt an der Garderobe.“ Alles gut. Frühstück bestellt und die Jacke in den Rucksack gepackt.

Der Bus bringt mich in wenigen Minuten nach Wietzendorf. Zuerst habe ich ein wenig Orientierungsprobleme, da ich nicht weiß, wohin ich gehen muss. Aber nachdem ich einmal fast im Kreis gegangen bin, finde ich das weiße H auf schwarzem Grund. Ohnehin wollte ich heute die ganze Etappe nach Soltau auf dem Heidschnuckenweg zurücklegen. Bislang war der immer sehr gut ausgeschildert, sodass ich mich auf die Beschilderung verlassen kann. Ich folge auf einem schmalen Pfad einem kleinen Bach nordwärts. Irgendwann holt mich die Zivilisation in Form einer Straße ein. Ich quere sie und verschwinde wieder auf Feld- und Waldwegen. Norden, immer Norden zu. Ich passiere Meinholz, wo der Bus zweimal am Tag hält, es aber drei Pferdehöfe und unzählige Ferienwohnungen gibt.

Nach Meinholz geht es wieder nach Nordwesten, und ich erreiche einen schmalen Pfad am Waldrand. Dieser endet abrupt an einer Landstraße und führt dort an deren Rand zwischen Asphalt und Leitpfosten weiter. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Das muss das unschöne Stück Weg sein, auf das mich eine der Mitreisenden im Bus heute Morgen hingewiesen hat.

Wenige Schritte später das Schild „Ari.-Feuerstellung Nr. 33 …“. Hmm! Laut Karte geht es noch gut einen Kilometer an der Straße, die doch ziemlich viel Verkehr hat, entlang, und es tröpfelt leicht. Die Karte zeigt auf der anderen Seite der Straße eine Art Weg, aber der führt unmittelbar in den Wald, mit der identischen Tafel. Sind nur ca. 100 Meter in den Wald, und der Pfad verläuft fast parallel zur Straße nach Westen. Soll ich, soll ich nicht? Es ist Samstag, kurz nach zwölf, sagt mein Handy.

Ich überlege, und das Teufelchen auf meiner Schulter spricht laut, sehr laut. Es knallt nicht. Samstag, Mittag, 500 bis maximal 700 Meter, schätze ich. Die Bundeswehr oder Rheinmetall schießt am Samstag bestimmt nicht, und wenn, wäre da sicher ein Sicherungsposten, damit keine Deppen reinspazieren und sich in Gefahr bringen, oder? Erneuter Blick auf die Karte. Die Ari schießt nicht so knapp an einer bundesdeutschen Straße, rufe ich mir in Erinnerung. Bestimmt viel zu gefährlich, sage ich mir.

Schulterblick, über die Straße und rein in den Wald. Zuerst geht es gut. Der Weg ist gut zu erkennen. So gut, dass ich zu weit gehe. Ich muss wieder 50 Meter zurück und soll einem kaum sichtbaren Pfad folgen. Also los. Der Pfad wird immer unsichtbarer, wird eher wildwechselartig. Spannend. Kein Wunder, ist ja eigentlich nicht so recht erlaubt. Meine Hosenbeine werden nass. Das Gras wird höher, und immer mehr Gestrüpp liegt quer zum „Weg“. Nach 15 Minuten habe ich nasse Füße und nasse Hosenbeine, komme aber unbescholten aus dem Wald an einen geteerten Radweg, der 500 Meter parallel zur Straße führt.

Zeit habe ich auf meinem „Waldabenteuer“ definitiv wieder einmal sicher nicht gespart. Strecke auch nicht, aber es war spannend und interessanter, als an der Straße entlangzutippeln.

An der nächsten Möglichkeit biege ich rechts ab. Immer Richtung A7, die schon seit geraumer Zeit zu hören ist. Ich überquere die Autobahn und raste wenig später an einer Bank. So langsam hat sich das Pausenritual gefestigt. Regenjacke, immer zuoberst im Rucksack, raus, erste Wasserflasche von rechts aus den Tiefen des Rucksacks raus und trinken. Wenn leer, andere von links nach rechts packen und die Leere links in den Rucksack. Habe ich Hunger? Wenn ja, Müsliriegel raus und gefuttert.

Irgendwann nimmt Wandern oder das schlichte Gehen einen meditativen Charakter an. Man denkt nicht mehr über sich oder die Welt nach. Man setzt schlicht einen Fuß vor den anderen und ist ganz aufgeschreckt, wenn der Weg eine Wendung macht, eine Abzweigung kommt, man von Dritten angesprochen wird oder es regnet.

Ich überlege, ob das der Grund ist, warum man sich verläuft, wenn man allein geht? Man hat den Kopf weitgehend abgestellt und nimmt lediglich den Körper wahr. Man schwitzt, friert, ist nass oder angestrengt. Gut angestrengt bin ich nicht, ist es doch noch früh am Tag, und es ist tolles Wanderwetter. Es geht weder bergauf noch -ab. Ich habe zwar Blasen an den Zehen, aber die tun nicht weh, außer ich stoße mit der Fußspitze gegen einen Stein.

Das Sein wird auf die existenziellen Bedürfnisse wie Essen und Trinken zurückgedrängt, und hoffentlich schütten die dunklen Wolken ihre Last erst in drei Stunden ab.

Ich quere eine wenig frequentierte Bahnlinie an einem unbeschrankten Bahnübergang. Nachdem ich sie eine Viertelstunde später erneut überquere, werde ich langsamer und schaue Handwerkern beim Renovieren des ehemaligen Bahnwärterhäuschens zu.

Als ich unsicher bin, ob ich die erste oder zweite Abzweigung nach rechts nehmen soll, rufen mir zwei Frauen zu, die zweite sei der Heidschnuckenweg. Dann erst recht die erste, scheint es doch ein wenig kürzer und kurviger. Zumal „kurvig“ auf Pfad und nicht auf Weg hindeutet. Genauso kommt es. Durch den Wald und an diesem entlang komme ich durchs Harber Moor nach Weiher. Kurz vor Weiher überhole ich ein Pärchen, das das weiße H auch von Süd nach Nord erwandert. Sie tragen Zelt und Isomatten außen am Rucksack.

Ich bin etwas schneller als die beiden unterwegs. Ich falle wieder in meinen meditativen Schritt und muss aufpassen, nicht vom Weg abzukommen. Die dunklen Wolken werden mehr, und mir ist, als tröpfle es. Ich gehe unter Bäumen und quere kurz darauf eine andere Bahnlinie.

An der K48, kurz vor Soltau, regnet es ganz schwach. Die Regenhülle ist seit kurz nach Meinholz auf dem Rucksack. Soll ich die Regenjacke anziehen? Geht so. Ich versuche eine Abkürzung, die sich leider als Sackgasse herausstellt. Mist, zurück und auf den richtigen Weg. Ich überhole das Pärchen, das an mir vorbeigezogen ist, erneut.

Eine rote Fußgängerampel an der K48 vor Soltau zwingt zum Stopp. Das Pärchen holt auf. Der leichte Regen setzt erneut ein. Ein erneuter Abkürzungsversuch an einer Heidschnuckenweide mit kurzem Fotostopp endet in einer Hofeinfahrt mit einem großen und böse bellenden Hund und zwingt zu einem 15-minütigen „Umweg“ durch ein Wohngebiet. Käme ich doch an der gleichen Stelle raus, wenn der Weg durch den Hof geglückt wäre.

Der ganz leichte Regen hört auf, und ein Blick zum Himmel verheißt auch Gutes. In Soltau lasse ich mich in Breidings Garten, einer Art städtischem Landschaftspark, den die Stadt von einem insolvent gegangenen Filzproduzenten übernommen hat, auf einer Bank an einem Teich nieder.

Das Ritual beginnt: Trinken und überlegen, wo ich heute nächtige. Hatte ich doch gestern verpennt, mein Hotel zu verlängern. Also Telefon raus und ein Quartier suchen.

Inzwischen hat mich das Pärchen wieder eingeholt, und ich erfahre, dass sie noch die 5 Kilometer zum Soltauer Campingplatz weiterwandern wollen. Zwei Telefonate später habe ich ein Zimmer in der Nähe der Soltauer Therme. Glücklicherweise sogar in der Nähe des morgigen Wegabschnitts.

Durch die Innenstadt geht’s zum Hotel. Kurz vorher biege ich zu Aldi ab. Ein Getränk und etwas Obst werden mir guttun, denke ich.

Heute bin ich nach gut 4 Stunden reiner Gehzeit und gut 21 Kilometern Strecke mit insgesamt 190 Höhenmetern Anstieg dem Zwischenziel Hamburg wieder nähergekommen.

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