Tag 43 Celle nach Dehningshof
Ohne Frühstück verlasse ich meine Unterkunft auf dem Weg zum Schloss, wo ich in den Bus einsteigen will, der mich zum Bahnhof Celle bringen soll. In der Innenstadt finde ich ein Bäckereicafé, wo ich ein Franzbrötchen und einen Käsewecken erstehe. Auf dem Weg zum Schloss passiere ich das Alte Rathaus und die Stadtkirche St. Marien. Den Schlosspark mit dem Heidschnuckenendschild habe ich mir gestern samt dem Park schon angesehen. Wenig später sitze ich im Bus und steige am Westmarkt aus. So habe ich mir den Weg durch die Wohngebiete in Celles Nordosten gespart. Irgendwie sehen Wohngebiete aus den 50er-Jahren überall gleich aus. Wobei hier im Norden mehr Klinker verbaut wird.
Durch eine Grünanlage stoße ich auf das weiße H auf schwarzem Grund. Dies ist die Markierung des Heidschnuckenwegs, der von Celle nach Hamburg führt und schon des Öfteren als einer der drei schönsten Mehrtageswanderwege in Deutschland ausgezeichnet wurde. Ich habe beschlossen, dem Heidschnuckenweg überwiegend zu folgen und von meinem „Ich folge keinem Weg“ abzuweichen. Zum einen ist die Orientierung hoffentlich leichter – immer dem H nach –, und er soll ja schön sein.
Schnell stelle ich fest, dass die Ausschilderung tatsächlich perfekt ist. Man kann dem Weg ohne Navigationshilfe oder Karte problemlos folgen, sofern man sich nicht zu sehr in Gespräche vertieft. Westlich des Ortsteils Klein-Hehlen, an einem kleinen Waldsee vorbei, verlasse ich das Stadtgebiet von Celle und wandere nordwärts durch die Feldmark. Das Wetter ist gut und soll sich zumindest in den nächsten Tagen halten. Nun schwenkt der Weg von Nordwest nach Nordost, und man erreicht unglaublicherweise Groß-Hehlen. Am Weg liegt ein Café, das aber am Montagmorgen leider noch geschlossen hat.
Nach dem Ort folge ich dem weißen H immer nach Nordwesten in Richtung Scheuen, wo auch der kleine Flugplatz von Celle liegt. Obwohl Celle keine Garnisonstadt mehr ist, höre ich eindeutig Gewehrfeuer. Der alte Standortübungsplatz, dem ich immer näherkomme, dient der Kreisjägerschaft als Schießplatz. Hinweisschilder eines Pionierbataillons lassen, neben der Nutzung durch die niedersächsische Feuerwehr und das THW, auch noch auf militärische Nutzung schließen. Ich überquere eine fast verlassene Bahntrasse. Niederflurwagen sind rechts und links des Übergangs abgestellt.
Nun geht es immer am Waldrand entlang nord- bis nordostwärts in den Naturpark Südheide Richtung Forsthaus Kohlenbach. Nach ungefähr der Hälfte meiner Tagesetappe will ich eine Pause machen. Da kommt eine der vielen Schutzhütten gerade recht. Ich setze mich in den Schatten des Hüttendachs und hole eine meiner drei Wasserflaschen heraus. Gegenüber steht ein Wegweiser mit einem bunten Wegzeichen. Ich bin neugierig. Es zeigt die „Via Romea Germanica“. Den Namen habe ich schon kurz vor Würzburg gelesen. Ich versuche, das zu googeln, habe aber keinen Internetempfang. Muss also bis heute Abend warten.
Kurz nach dem Forsthaus, das im 18. Jh. erbaut wurde, entdecke ich ein Schild, das darauf hinweist, dass hier in letzter Zeit Wölfe gesichtet worden sind. Es enthält auch Verhaltenshinweise für Spaziergänger mit und ohne Hund. Einen Hund habe ich ja nicht dabei, das überlese ich schnell. Sollte man einem Wolf begegnen, sei es am besten, einfach laut zu sein, sich groß zu machen und sich langsam rückwärts zu entfernen. Wenn ich den Rucksack abnehme und über den Kopf halte, bin ich bestimmt 2,5 Meter groß. Ob das reicht? Aber laut sein ist eine meiner Stärken. Keine Gefahr für mich. Kurz vor den „Wilden Teichen“ entdecke ich das Abholbänkchen des Landhotels Helms.
An den Teichen, nach knapp 20 Kilometern, mache ich eine zweite längere Pause. Müsliriegel raus und die nächste Trinkflasche geleert. Der Weg ab dem Forsthaus ist gut befestigt, ohne geteert zu sein, und wird auch von Radfahrern viel genutzt. Die Wegmarkierung hat hier der Hannoversche Wander- und Gebirgsverein übernommen. Es gibt viel mehr Wandervereine, als man glaubt.
Kurz nach den Teichen „ersteige“ ich den Citronenberg. Anfang des 20. Jhs. wurde durch das Militär von Lüneburg bis Celle eine Feldeisenbahn gebaut, deren Trasse man noch erkennen kann. Sie führte über den Citronenberg und diente dazu, zu testen, wie lange so etwas dauert und wie viel man über eine solche Schmalspurbahn nachschieben kann. Der Kaiser höchstpersönlich hatte sich zu einem Manöverbesuch angesagt, um das Spektakel der Feldbahn zu begutachten, kam aber nicht. Hatte vielleicht etwas Besseres vor. Nordlandfahrt oder so? Wer weiß.
Kurz vor meinem Quartier, dem Heuhotel Dehningshof, kommt auf der linken Seite die erste größere Heidefläche, die Severloher Heide. Die Erika steht Mitte/Ende August in voller Blüte, und die meisten der Bänke sind bevölkert. Wenig später erreiche ich die „Großen Buchen“. Die heißen so, weil sie einige der wenigen Bäume sind, die den großen Waldbrand in der Lüneburger Heide in den 70er-Jahren überstanden haben. Laubbäume brennen einfach weniger gut als Nadelholz. Soll am Harz der Nadelbäume liegen.
Eine Viertelstunde später bin ich auf dem Dehningshof. Ich habe Glück, und die Chefin erklärt mir alles. Das Heuhotel ist der ehemalige Schafstall. Die Außendusche mit kaltem Wasser ist gleich daneben. Im Kühlschrank stehen Getränke mit Strichliste. Toiletten und sonstige Waschgelegenheiten sind über den Hof, ca. 70 Meter entfernt. Ich packe den Schlafsack aus und werfe ihn ins Heu. Ich bin der einzige Gast und habe 30 Schlafplätze für mich allein. Mit den anderen Hausgästen ordere ich beim Pizzabringdienst eine Pizza. Da wir acht Mahlzeiten bestellen, liefert er auch die 10 Kilometer und macht uns einen Sonderpreis.
Heute bin ich nach gut 3,5 Stunden reiner Gehzeit und gut 25 Kilometern Strecke ab der Celler Innenstadt mit insgesamt lediglich 190 Höhenmetern Anstieg dem Zwischenziel Hamburg deutlich nähergekommen. Obwohl der Weg so bekannt ist und viel beworben wird, habe ich keinen Wanderer überholt oder bin überholt worden. Lediglich zwei oder drei Wanderer, die ich als Mehrtageswanderer identifiziert habe, sind mir begegnet. Selbst in der Hochsaison während der Heideblüte scheint der Gesamtweg nicht überlaufen zu sein.